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May 03 2011

Frauenquote bedroht Männerkarrieren

Ich habe die Überschrift dieses Textes einfach mal geklaut, denn präziser kann man kaum zusammenfassen, mit welchen Befürchtungen sich der genau so betitelte Text von Cornelia Schmergal und Manfred Engeser aus der WirtschaftsWoche (von der Zeit übernommen) so trägt und herumschlägt.

Der Tenor dabei ist: Nur durch die ja sehr vage Androhung einer gesetzlichen Frauenquote (die im Text bizarrerweise als “oberste Bundesfrauenbeauftragte” bezeichnete Bundesministerin Schröder ist ja nun nicht dafür bekannt, daß sie diese Quote wirklich unbedingt wollen würde) schon würden mehr und mehr Unternehmen eine offizielle oder inoffizielle Quote einführen; die vermehrte Einstellung von Frauen in Führungspositionen (oder in dorthin führenden Posten) schmälere aber die bisher recht sicher geglaubten Aufstiegschancen der Männer.

Das ist natürlich für niemanden überraschend, der sich schon einmal eine Handvoll Gedanken darüber gemacht hat, was für Folgen eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen am Wirtschaftsgeschehen haben könnte. Irritierend ist aber doch, wieviel Gejammer über Ungerechtigkeit der Artikel enthält. Als sei der bisherige Umgang mit dem geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen besser, bei dem man schöne Sonntagsreden hält, Absichtserklärungen formuliert und zu Bewerbungen auffordert, nur um dann doch tendenziell mehr Männer nach oben zu befördern und die Schuld bei den angeblich persönlichen, privaten und natürlich nicht über-individuellen Lebensentscheidungen und Verhaltensweisen der Frauen zu suchen.

Anders gefragt: Ist es wirklich besser, ein System unterschwelliger, aber offensichtlicher Diskriminierung fortzuschreiben, dessen Wirksamkeit sich überall statistisch nachweisen läßt, als eine Quote einzuführen, deren Ziel es nur sein kann, sich auf lange Frist selbst überflüssig zu machen, und die in Einzelfällen auch mal Männer benachteiligt? Natürlich mag es sein, daß die betroffenen Männer konkret nichts dafür können, daß sie ein Y-Chromosom haben, wie Schröder das formuliert; aber die bisher diskriminerten Frauen können für ihren Mangel desselben ja ebensowenig etwas.

Daß also auf Listen mit Besetzungsvorschlägen das eigene Geschlecht nur mit “Alibi-Funktion” aufgelistet wird, auch die “Machtlosigkeit” beim beruflichen Vorüberziehen der Menschen des jeweils anderen Geschlechts, die in dem Artikel für bedauernswerte Männer beschrieben wird, das alles kennen Frauen also nur allzugut. Und wir sollten vielleicht ab und zu (uns) daran erinnern, daß im Zweifelsfall immer wieder andere Leute uns beruflich und finanziell überflügeln – beiderlei Geschlechts, in den allermeisten Fällen aber immer noch Männer.

Wenn ein Unternehmen allerdings, wie es in dem Artikel als geradezu Standardfall wiedergegeben wird, eine Frau einstellt oder befördert, einfach weil dies ob der drohenden Quote sein muß und obwohl es klar und deutlich fachlich besser geeignete Männer für den Job gibt – dann ist es schon selbst schuld. Die Quote mag dann im Einzelfall allerdings womöglich auch dafür gut sein, den Personalchef_innen deutlich zu machen, daß womöglich ihre Einschätzungen dessen, wer qualifiziert sei und wer nicht, geschlechtergerecht anpassen sollten. Wer weiß, vielleicht erleben wir mit der Quote noch so einige Überraschungen.


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Reposted byStadtgespenstzweisatzregenmaedchen

April 04 2011

Sibylle Berg über die Frauenquote

Sibylle Berg fragt in ihrer Spiegel Online-Kolumne, ob es die Frauen wirklich ohne Frauenquote schaffen können, wollen, dürfen:

Randgruppe murmeln Sie, ha, wir sind die Hälfte der Welt. Sicher, die Frauen sind die Hälfte der Welt, in der Schweiz durften sie bereits in den siebziger Jahren wählen, in der Werbung bekommen sie gezeigt, dass sie ständig auslaufen, aussuppen, riechen, schmutzig sind, Binden brauchen, unbedingt Binden, weil sie verdammt noch mal nicht perfekt sind. Sie sind Angehörige einer Randgruppe, Männer diskutieren über die Frauenfrage.

Bitte hier ganz lesen…

(Und hier gab es von ihr schon mal ein wenig Scharfes zum Selbstbild von Frauen.)


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December 16 2010

Frauen günstig zu haben!

Schöner Werbespot zum Thema des Equal Pay Days.

(via @lantzschi)


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November 30 2010

Ihr habt nur den falschen Partner

Also, liebe Frauen, wenn Ihr nicht richtig Karriere gemacht bekommt, obwohl Ihr eigentlich besser seid als die Männer, dann liegt das daran… daß Ihr Euch den falschen Mann ausgesucht habt. So einfach ist das. (Lesben: Ihr seid da irgendwie nicht mit gemeint.)

So oder so ähnlich muß man sich jedenfalls die Welt aus den Augen von Uli Dönch vorstellen, Redakteur beim Focus. In seinem Kommentar “Frauen im Karriereloch? Selbst schuld!“, der Kopfzeile nach eigentlich mit dem Thema “Frauenquote” beschäftigt, hakt er dieselbe innerhalb der ersten paar Zeilen ab. Warum kommen die Frauen schließlich nicht so recht an die Vorstandsposten?

Die dem Zeitgeist angepasste Antwort wäre: Schuld sind die bösen Männern, die es niemals zulassen, dass die Kollegin an ihnen vorbeizieht. Und dagegen hilft eben nur Zwang. Sprich: die Frauen-Quote.

Aber die hilft natürlich nicht:

Diese Erklärung ist nicht nur feige. Sondern auch falsch. Wer das Phänomen verstehen will, muss tiefer graben. Woran liegt es also wirklich, dass Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten derart unterrepräsentiert sind?

Wohlgemerkt, das ist alles, was der Text an Auseinandersetzung mit dem Instrument der Frauenquote auf die intellektuelle Waagschale werfen darf, da argumentiert sogar Kristina Schröder noch differenzierter. Fragen wir einfach mal nach: Von welchem Zeitgeist ist die Rede? Wo spricht der von bösen Männern? Und warum hat die Telekom dann trotzdem eine Frauenquote eingeführt? Glauben die auch, daß ihre Männer in Führungspositionen alle böse sind, und haben sich dann eben diese Männer für eine feige (feige! Mir wird ganz blümerant!) Lösung entschieden, weil ihre Frauen daheim ihnen mit dem Nudelholz gedroht haben?

Ganz im Ernst: Nur sehr, sehr langsame Gemüter glauben heute noch, daß in den männerbündischen Vorständen aller Unternehmen ausschließlich böse Frauenfeinde regieren (obwohl diese dort so oft vorkommen mögen wie im Rest der Gesellschaft ja auch noch). Aber mindestens die Telekom hat begriffen, daß Strukturen dazu neigen, sich selbst zu reproduzieren, und daß man den Frauenanteil unter den Führungskräften am einfachsten dadurch erhöht, daß man einen bestimmten Anteil von Stellen festschreibt, der mit Frauen zu besetzen sei. Herrgott, sogar die CSU hat inzwischen eine Quote!

Aber Herr Dönch ist wohl zu faul oder zu bequem, sich mit möglicherweise komplexen Fragen zu belasten: Er nimmt sich einen behaupteten Popanz und sagt dann: Feige! Doof! Falsch! Unterkomplex! Und dann macht er einen karrieretheoretischen Dreisprung: Frauen wollen nicht, ihre Männer wollen nicht, weil: die Frauen sich leider den falschen Mann ausgesucht haben. (Wie gesagt: homosexuelle Frauen, ihr seid hier nicht mitgemeint.)

Ich möchte jetzt mal behaupten: Die Erkenntnis, daß man eine “70-Stunden-Tretmühle” als Lebensentwurf nur machen kann, wenn die/der Partner_in “seine Karriere der beruflichen Laufbahn seiner weitaus begabteren Partnerin unterordnet” bzw. des Partners – und warum eigentlich weitaus begabter? – ist so neu ja nun nicht, früher war diese Unterordnung ja normal, man nennt es Versorgerehe, mit Begabung hat es allerdings nicht so viel zu tun. (Früher hatte es vor allem mit Geschlecht zu tun, aber diese historische Dimension packe ich jetzt nicht in aller Größe aus.)

Zur Argumentation wird wieder einmal von “Alpha-Frauen” und “Alpha-Männern” geredet, mit Begriffen also aus der evolutionsbiologistischen Buddelkiste – aber kein Gedanke wird darauf verschwendet, ob eine “70-Stunden-Tretmühle” sinnvoll ist, wünschens- oder lebenswert; ob nicht vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der offenbar männliche Führungskräfte nur Beta- bis Gamma-Weibchen ehelichen (oder ihre Frauen dazu machen) das eigentliche Problem sein könnte, und wie es sich eigentlich mit diesem komischen Ding verhält, das ich manchmal im Scherz gleichberechtigte Partnerschaft nenne. (Katrin hat sich bei der Mädchenmannschaft dazu ein paar ausführlichere Gedanken gemacht.)

Aber ein glückliches Leben ist bei Dönch überhaupt kein Punkt der Argumentationskette. Stattdessen gibt es den Rat an die Frauen, bei der Wahl ihrer Partner doch genauer auf die eigenen Berufsaussichten zu schauen:

Der erste Rat geht an die karrierebewusste Frau: Sie sollte sich mehr Gedanken darüber machen, wen sie zu ihrem Partner wählt. Am besten jemanden, „der in seiner geistigen Kapazität zu ihr passt, der aber glücklich darüber ist, sie bei ihrem beruflichen Aufstieg unterstützen zu können“ (Kellaway).

Vielleicht bin ich für solche kapitalistische Durchdringung der emotionalen Verhältnisse einfach nicht empfänglich genug (obwohl diese natürlich sowieso stattfindet; Eva Illouz kann dazu eine Menge erzählen), aber jedenfalls bekommt der abschließende Rat an die Männer, den Dönch noch parat hat, für mich dadurch einen seltsamen Beigeschmack, obwohl ich ihn grundsätzlich und in der jetzt hier zitierten Reinform sogar nicht falsch finde:

Wer das Glück hat, eine solch tolle Partnerin durchs Leben begleiten zu dürfen, sollte selbstverständlich bei seiner eigenen Karriere zurückstecken.

Aber vielleicht ginge es eben auch alles gemeinsam. Und vielleicht ist “Karriere” auch kein Wert an sich.

@tristessedeluxe sieht übrigens ganz klar, wie man bei der Partner_innenwahl wirklich gewichten sollte. (Den Ironiemarker muß ich dazu nicht setzen, oder, den versteht Ihr auch so?)

so ein Quatsch! Menschen sollten ihre Partner_innen danach aussuchen, ob sie zu ihren Autos passen.


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November 05 2010

Hart aber unfair

Juliane Wiedermeier sieht sich die de-facto-Frauenquote bei hart aber fair an (anläßlich der Sendung Quoten, Krippen oder Ellbogen – was brauchen Frauen zum Erfolg? zum “Weltmännertag”) und nebenbei auch einen Tweet der Bundesfamilienministerin – und schließt treffend:

Womit ich sagen will: “Hart aber fair” soll nicht über Gleichberechtigung reden, sondern gleichberechtig einladen. Und unsere Bundesfrauenrechtlerin soll aufhören, so zu tun, als sei sie ein kleines Mädchen, das man besser nicht alleine mit fremden Männern sprechen lässt. Oder solchen, die sie nur aus diversen Talkshows kennt.

(via)


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March 26 2010

26. März – Equal Pay Day

Heute ist Equal Pay Day – Frauen in Deutschland haben im statistischen Durchschnitt die ersten 23% dieses Jahres (die jetzt vorbei sind) für umme gearbeitet, denn nach wie vor verdienen sie, wie das Statistische Bundesamt zuletzt für 2008 festgestellt hat, durchschnittlich 23% weniger als Männer (das ist der Gender Pay Gap, auch Gender Wage Gap genannt). Diese Zahlen lassen freilich keine Schlüsse darüber zu, ob Männer und Frauen in gleicher Position und bei gleicher Ausbildung gleich bezahlt werden oder nicht, wie das Bundesamt warnt:

Bei der Interpretation der Werte sollte berücksichtigt werden, dass es sich um den unbereinigten Gender Pay Gap handelt. Aussagen zum Unterschied in den Verdiensten von weiblichen und männlichen Beschäftigten mit gleichem Beruf, vergleichbarer Tätigkeit und so weiter sind damit nicht möglich.

EPD-LogoSelbst mit diesem unbereinigten Gender Pay Gap stehen Frauen in Deutschland schon schlechter da als im europäischen Vergleich oder im Durchschnitt der OECD-Staaten.

Der Frauenbund gibt für den bereinigten Gender Pay Gap einen Wert von 12% an, ohne allerdings auf dessen Bestimmung näher einzugehen. Das Statistische Bundesamt gibt einige Hintergrundinformationen zum genauen Zustandekommen der Gender Pay Gap, und in der Zeit hat Tina Groll im vergangenen Oktober sich genauer angesehen, welche Zahlen das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung dazu herausgefunden hat.

In einer Untersuchung auf Basis eines selbst erhobenen Lohnspiegels hat das WSI unter anderem festgestellt, daß schon Berufsanfängerinnen weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. (Weitere Infos in Kurzform in diesem PDF.)

Die Einkommensrückstände von Frauen lassen sich nur zum Teil durch unterschiedliche berufliche Präferenzen, Unterschiede in der Ausbildung sowie berufliche Unterbrechungen auf Grund von Kindererziehung erklären. Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten spielen auch eine Rolle. All dies sind jedoch nur Teilerklärungen.

Mit ihrer Studie (PDF) kommen die Autor_innen schließlich zu dem Ergebnis:

Insgesamt bestätigt unsere Studie, dass Frauen bereits in den ersten Berufsjahren finanziell gegenüber Männern benachteiligt werden. Dieser geschlechtsspezifische Einkommensrückstand lässt sich vollständig weder durch unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen noch durch eine spezifische Berufswahl erklären. Die Ergebnisse verweisen vielmehr auf das Fortbestehen geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung.

Selbst bei unterschiedlichen “Präferenzen” in Ausbildung und Berufswahl sowie durchschnittlich kürzerer Arbeitszeiten – alles Phänomene, die keineswegs unabhängig von geschlechterpolitischen Fragen zu sehen sind – besteht also doch immer noch eine Form von Ungleichbehandlung, bei der Frauen trotz gleichwertiger Qualifikationen und gleichwertiger Arbeitskraft weniger verdienen.

Darauf geht auch dieser hübsche Spot ein (via):

cheap_women_255Das von anti-feministischen Kommentatoren gerne gebrachte Argument, daß der Gender Pay Gap in seiner bereinigten Form nicht existieren könne, weil ansonsten ja Firmen nur noch Frauen anstellen würden (die ja, der Spot spielt damit, billiger zu haben seien), ist natürlich nicht stichhaltig, sondern entsteht aus einem neoliberal-marktpuristischen Mißverständnis: Es sind eben nicht nur rein rationale Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit, die Personalentscheidungen etc. entstehen lassen; die Strukturen der Geschlechterordnung greifen wesentlich tiefer in unser Handeln und Entscheiden ein, als uns immer bewußt ist.

Und das betrifft ebenso die Entscheidungen von Männern wie Frauen in Sachen Ausbildung, Berufswahl und Reproduktionsarbeit wie eben auch die Entscheidungen jener Menschen, die in Unternehmen für die Personalbetreuung, -auswahl und -beförderung zuständig sind.

Genau deshalb ist eine Frauenquote, wie jetzt von der Telekom eingeführt, eine sinnvolle Sache (wenn auch nicht der Weisheit letzter Schluß), weil sie diese nicht-bewußten, zum Teil auch nicht-gewollten Mechanismen und Prozesse unterläuft oder idealerweise sogar bewußt macht und ändert. Das liegt durchaus auch im Interesse der Unternehmen, und zwar nicht, weil sie den Frauen weniger zahlen müßten (das kann nicht das Ziel einer Quote sein), sondern weil sie sich für Kräfte und Ideen öffnen, die ihnen sonst fehlten.

Logo: BPW Germany e.V.; Plakat via Essential Estrogen


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March 15 2010

Telekom mit Frauenquote

Die Deutsche Telekom führt, die magentafarbenen Spatzen pfeifen es ja von den Dächern, führt bis zum Jahr 2015 eine 30-Prozent-Frauenquote für Führungspositionen in ihrem gesamten Unternehmen weltweit ein.

Das ist eine ziemlich wuchtige Meldung, und die Telekom preist sich in der zugehörigen Pressemitteilung natürlich kräftig selbst – auch wenn René Obermann im ersten zitierten Statement erst einmal auf Defensive macht: “Mehr Frauen in Führungspositionen ist kein Diktat einer falsch verstandenen Gleichmacherei.”

Das wissen andere mindestens schon seit Jahrzehnten (wie sie vielleicht auch das Konzept der “gläsernen Decke” kennen, das in dem Text bemüht wird), aber es ist natürlich schön, wenn ein aller revolutionärer Umtriebe verdächtiges Wirtschaftsunternehmen auch einmal Anschluß an progressive politische Positionen sucht und vielleicht findet.

Was von der Quote dann wirklich umgesetzt wird, wissen wir vielleicht in vier, fünf Jahren. Erst einmal ist interessant, daß das Unternehmen gleich noch die Bundesfamilienministerin als Kronzeugin zitiert, die erst vor ein paar Tagen Quotenregelungen allenfalls als freiwillige Initiative von Unternehmen gelten lassen wollte – eine Position, die sie auch hier wieder bestätigt sieht – einen großen Widerspruch zu ihrer letzten Rede sehe ich jedenfalls, anders als die taz, nicht.

Richtig interessant wäre es aber noch, zu den am Schluß der Telekom-Pressemeldung versteckten zusätzlichen Maßnahmen mehr zu erfahren:

Mit der Entscheidung für einen systematischen Aufbau weiblicher Talente in Führungspositionen baut die Deutsche Telekom auch ihr Programm zur Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben aus. So werden Elternzeitmodelle, Teilzeitmodelle für Führungskräfte, flexible Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuungsangebote ausgeweitet sowie praktische Unterstützungsleistungen im Alltag angeboten.

Denn ich möchte doch sehr hoffen, daß diese Angebote – Elternzeit, Teilzeit etc. – auch und insbesondere für die Männer/Ehemänner/Väter gedacht sind. Ansonsten wird, fürchte ich, auch die begrüßenswerte Frauenquote wenig nachhaltige Änderungen bewirken können.


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March 09 2010

Kristina Schröders Gleichstellungskonzept

Natürlich ist die Rede, die Kristina Schröder vergangene Woche anläßlich des gestrigen Weltfrauentages im Bundestag gehalten hat, primär politische Rhetorik. Das heißt, sie dient ein wenig der Positionsbestimmung, der Abgrenzung vom politischen Gegenüber und der Selbstspreizung. Irritierend ist aber doch, wie sehr sich gelegentlich die Ministerin in ihrer argumentativen Struktur an Guido Westerwelles jüngste Hartz-IV-Schoten anschmiegt, indem sie nämlich längst Bestehendes fordert und schon lange Diskutiertes als neue, gar eigene Position präsentiert.

Und nicht weniger irritierend ist, daß ich bei Westerwelle geneigt bin, solches Gehabe für Provokation, Randale und womöglich gar Strategie zu halten, bei Schröder aber (und ich bin wohl nicht der einzige) dazu neige, solche rhetorischen Strukturen eher einer vermuteten Ahnungslosigkeit zuzuschlagen. Das hat womöglich mit ihrem Alter zu tun und dem Umstand, daß sie in den Bereichen Familie, Gleichstellung & Cie. bisher nicht besonders aufgefallen war. Aber das wäre Stoff für einen anderen Blogeintrag.

Am Anfang ihrer Rede fragt Schröder:

Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen?

Ja, warum? Bzw.: Warum nimmt Frau Schröder nicht zur Kenntnis, was seit nicht nur gefühlten Jahrzehnten dazu gesprochen, geschrieben, diskutiert wird? Leider ist der Blick der Ministerin auf “kulturelle und strukturelle Ursachen” allerdings ein recht eingeschränkter. Denn in ihren kulturellen und strukturellen Kontexten ist offenbar nicht vorgesehen, daß das Konzept der freien Willensentscheidung für eine bestimmte Lebensweise zumindest problematisch ist.

Berufstätige Männer nehmen oft zwei, drei Karrierestufen auf einmal, während berufstätige Frauen meist zwei, drei Jobs auf einmal machen, nämlich Beruf, Kindererziehung und Haushalt.

Das hat wenig mit individuellen Denk- und Verhaltensmustern zu tun. Wenn Paare sich freiwillig für dieses Modell entscheiden, dann ist das ihre Privatsache. Aber in vielen Fällen ist es nicht so. Viele Paare heute wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft.

Es ist eine beliebte rhetorische Figur konservativer (Familien-)Politiker, auf diese Form der “freien Willensentscheidung” zu verweisen. Danach entscheiden sich die Frauen eben für ein Leben, das sich primär an den Kindern (und am Haushalt, etc.) ausrichtet, sie wollen gar keine Karriere machen, sondern lieber halbtags arbeiten, während die Männer eben nicht zu Hause bleiben wollen oder in extremeren Wahrnehmungen (Eva Herman et al.) Kindererziehung und Haushalt gar nicht können. Die Wahrheit hinter diesem Willen ist natürlich etwas komplexer, und Jana Hensel hat das vor einigen Wochen im Zeit-Magazin anhand von Zahlen – ausgerechnet! – des Bundesfamilienministeriums aufgezeigt:

Eine bereits im August im Auftrag des Familienministeriums erschienene Evaluationsstudie über die Auswirkungen des Elterngeldes auf die Erwerbstätigkeit und die »Vereinbarkeitsplanung« [...] belegt: Fast 90 Prozent aller Väter nehmen die alte Arbeit uneingeschränkt wieder auf. Damit wird die männliche Beschäftigungsquote vor der Geburt auch hinterher wieder erreicht.

Das Leben der Mütter unterdessen wurde binnen eines Jahres auf den Kopf gestellt. Während 55 Prozent von ihnen vor dem ersten Kind in Vollzeit beschäftigt waren, rutscht die Quote danach in den Keller. Nur 14 Prozent kehren in die Vollbeschäftigung zurück; nach zwei Kindern sind es nur noch 6 Prozent.

[...] Wobei wahrscheinlich jeder dieser Väter seinen Schritt mit persönlichen Gründen belegen kann. Wobei wahrscheinlich jede Mutter glaubt, sich ganz individuell für das Kind und gegen die Karriere entschieden zu haben. Alle werden bestreiten, nach traditionellen Mustern gehandelt zu haben, obwohl die Zahlen nichts anderes als deren Fortwirken belegen.

Mit anderen Worten: Eine strukturelle Veränderung ist hier nicht auffindbar. Wenn nach der Geburt eines Kindes die bisher vollbeschäftigten Männer dies weiterhin bleiben, von den Frauen aber wenig mehr als ein Zehntel, dann ist das nicht zwar vielleicht subjektiv freier Wille, dahinter stehen aber strukturelle, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren, die jede freie Willensentscheidung mindestens durchdringen und beeinflußen.

Natürlich hat Schröder recht, daß diese Benachteiligung mindestens auch etwas damit zu tun hat, wer sich um “Fürsorgeaufgaben” (man nennt es auch Reproduktionsarbeit) kümmert:

Meine These ist, dass Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.

Und natürlich muß man ihr zustimmen, daß hier die staatliche Förderung auch mehr auf jene Rücksicht nehmen sollte, die alte Menschen pflegen – auch das sind meist die Frauen. Aber all das ist nicht erst seit gestern so, diese Erkenntnisse sind nicht neu, und ob Schröder das ändern will, ist ungewiß; man müßte mal ein tiefergehendes Interview zu ihrem Geschlechterverständnis mit ihr lesen (oder führen), um ihre Äußerung “Männer und Frauen haben im Schnitt unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten” im Interview mit der FAZ richtig zu deuten und vor allem auf ihre politische Bedeutung abklopfen zu können.

So steht in der Rede letztlich nichts von wirklichem Belang – sie will sich eben doch, “Grundsatzrede” hin oder her, noch nicht richtig festlegen; “Quotenregelungen” seien falsch, eine “Mindestanteilsregelung” könne sie sich hingegen feststellen. Wo auch immer da nun der Unterschied sein mag.

Interessant bleiben aber doch die Leerstellen im Text – Schröder glaubt nicht an “schenkelklopfende Diskriminierung” und hat doch außer dem Verweis auf einen Artikel in der Wirtschaftswoche kein rechtes Konzept, wie es denn dann zu den strukturellen De-Facto-Unterschieden kommt, die sie selbst ja beschreibt. Und irgendwann wird sie sich einmal darüber klar werden müssen, wie das eigentlich funktioniert mit den nach Geschlechtern gar nicht so hübsch geordneten Entscheidungsmöglichkeiten für einen bestimmten Lebensentwurf.

(Weitere Kommentare dazu in der taz und im Mädchenblog.)


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