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January 10 2011

Amber Heard: “Those who believe …”

Für ihr Projekt I = YOU hat die Künstlerin Tasya Van Ree diesen kurzen Film mit der Schauspielerin Amber Heard aufgenommen, die vor allen Freund_innen des Horrorfilms seit ihren Rollen in All the Boys Love Mandy Lane, The Stepfather, And Soon the Darkness und John Carpenters The Ward ein Begriff ist und die sich im vergangenen Monat geoutet hatte.

(via)


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December 14 2010

Beleidigung für Vergewaltigungsopfer

Naomi Wolf beschuldigt Schweden und Großbritannien, im Fall der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange mit doppelten Standards zu hantieren:

if you ever want anyone to take sex crime against you seriously, you had better be sure the man you accuse of wrongdoing has also happened to embarrass the most powerful government on earth.

Eine furiose Wutschrift, die die Lektüre unbedingt wert ist. Hintergründe, von Jessica Valenti zusammengefaßt, zum Beispiel hier und vor allem hier.

(via, via, via)


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November 10 2010

Kristina Schröder und die Sache mit dem Feminismus

Es haben inzwischen schon ganz, ganz viele kluge Menschen sich zu dem furchtbaren Interview geäußert, das Bundesministerin Kristina Schröder dem Spiegel für seine jüngste Ausgabe gegeben hat. Natürlich hat auch Alice Schwarzer sich schon zur Wehr gesetzt, und der Spiegel schlägt auf seiner Website aus der selbst produzierten (und vermutlich bewußt lancierten) Diskussion mit auch nicht reflektierteren Folgeartikeln und dann angeblich stattfindendem parteiinternen Getröte noch Kapital. (Und ich verlinke das hier auch noch!)

Bei Neon versucht man sich mittels präzise gesetzter Bohrungen daran, das Niveau der Feminismen-Diskussion auf neue Tiefen zu senken, während die Bild-Zeitung sich nicht zu blöd ist (aber die ist sich ja zu nichts, etc.), die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schwarzer und Schröder auf ihrer gestrigen Titelseite als “Bizarren Sex-Streit” zu bezeichnen, was auf so vielen Ebenen schon sprachlich falsch ist, daß mir die Magensäfte grummeln.

Aber natürlich ist auch das alles zwingend für einen durch Medien fabrizierten Mediensturm, Rauschen im (nicht nur virtuellen) Blätterwald. Manche Rollen darin sind für mich gar nicht so klar. Zum Beispiel würde mich brennend interessieren, wie das Interview und die Themenwahl präzise zustande gekommen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Schröder nicht wußte, zu welchem Thema sie jetzt befragt werden würde – und auch mit solchen Gockeln als Gesprächspartner wird sie sicher schon öfter zu tun gehabt haben.

Das ist das eine; die furchtbaren Abgründe in dem, was Schröder so von sich gegeben hat – sowie die impliziten Denkvoraussetzungen, die sich dahinter verstecken -, das andere. Dazu gab es schon viel Kluges zu lesen, zum Beispiel:

Ich sage deshalb jetzt auch nichts Originelles, wenn ich meiner Irritation darüber Ausdruck verleihe, daß Schröder zwar Bedarf an Jungenförderung sieht und auch wahrnimmt, daß vor allem “die Jungs aus bildungsfernen Schichten” solchen Bedarf hätten – aber keinen Anlaß dazu sieht, danach zu fragen, ob dabei – womöglich sogar in bestimmten Gesellschaftsgruppen öfter auftretende – bestehende Geschlechtermodelle eine wichtige Rolle spielen könnten. Oder daß vielleicht die herrschenden Formen von Unterricht überhaupt für Kinder vielleicht nicht die bestmöglichen sind. Stattdessen will sie, inzwischen viel belächelt, “Diktate mit Fußballgeschichten” vorschlagen, die kämen bei Jungs eben besser an als “Schmetterlinge und Ponys”.

Jetzt mal abgesehen, daß ich mich auch als Kind da womöglich nicht so richtig einsortiert gefühlt hätte, kann ich mich nicht daran erinnern, daß wir seinerzeit enorm viele Diktate über Schmetterlinge und putzige Reittiere zu absolvieren hatten. Oder daß das irgendwas daran geändert hätte, ob wir Lust hatten, das Diktat jetzt gerade zu schreiben.

Aber Frau Schröder, die nicht daran glaubt, daß die Umwelt den Menschen macht – und deshalb konsequenterweise auch unter “Konservatismus” versteht, “die Realität zu akzeptieren” zeigt damit vor allem, daß sie nicht weiß, wovon sie redet. Daß jemand mit so unterkomplexem Denken und Argumentieren nicht nur Bundesministerin ist, sondern auch promovierte Soziologin, ist das eigentliche Armutszeugnis für unsere Ausbildungsinstitutionen voller fußballspielender Schmetterlinge. Und offenbar hat Schröder auch kein Interesse daran, ihre Bildungslücken zu stopfen – denn in den mittlerweile fast zwölf Monaten ihrer Amtszeit hätte sie sich auf ein solches Interview doch ein wenig besser vorbereiten lassen können. Für sowas hat man ja Mitarbeiter_innen.

Stattdessen offenbart die Ministerin ein allenfalls rudimentäres Verständnis davon, daß es womöglich unterschiedliche Vorstellungen zu Geschlechterkonzepten gibt, und eine mehr als lückenhafte, eben: Ahnung von Themen, Strömungen und Geschichte der feministischen Bewegungen (wobei da ihre Interviewer vermutlich nicht klüger sind, denn der Spiegel bezeichnet Alice Schwarzer beharrlich als “die deutsche Ur-Feministin” (danke, @lantzschi!) oder als “die oberste Verfechterin der Sache der Frau” – as if!). So hält sie auch den Begriff des “konservativen Feminismus” für eine “Worthülse” und sagt so schöne Sachen wie:

Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden. Es ist nicht der einzige Weg, aber es ist doch für sehr viele Menschen der wichtigste.

Nun tue ich “dem” frühen Feminismus sicher nicht unrecht, wenn ich sage, daß auch damals Partnerschaft (die Frau Schröder in diesem Zitat, davon muß man wohl ausgehen, ausschließlich heterosexuell definiert) und womöglich auch Kinder als Glücksspender in Betracht gezogen wurden – aber gerade im Kontext der Partnerschaft haben sich viele Frauen seinerzeit womöglich gefragt: Mit wem eigentlich? Und warum soll ich mir in der Partnerschaft vom Mann vorschreiben lassen, ob ich arbeiten oder ausgehen darf? Oder sie haben sich womöglich dazu entschlossen, dann doch lieber mit einer Frau zusammenzuleben, weil sie dies mit Männern für schlichtweg unmöglich hielten. (Oder sie liebten schlichtweg eine Frau. Oder… aber das wird endlos.)

Statt sich mit all diesen Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, sondert Schröder eine Reihe von Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten ab und versichert aber schon am Anfang, “meine beste Freundin” (erinnert sich noch jemand an den irgendwann gräßlich sinnentleerten Spruch “Mein Freund ist Ausländer”?) sei Feministin, wähle auch Grün und so. Vielleicht sollte diese Freundin sich die Ministerin mal zur Brust nehmen – ganz ernsthaft, in deren eigenem Interesse – und ihr das mit dem Feminismus und der Frauenbewegung mal etwas auseinanderklambüsern.

Bei der Gelegenheit könnten sie auch einmal darüber diskutieren, wie man verstehen muß, daß Schröder die Einführung von Quoten als “Kapitulation der Politik” versteht. Denn Quoten, die Einführung also von bestimmten Mindestanteilen bei der Einstellung von Frauen in bestimmten Bereichen durch eine gesetzliche Regelung – also per Entscheidung des Gesetzgebers, der gewählten Volksvertreter_innen -, können keine Kapitulation der Politik sein, sind sie doch ein politisches Mittel. Davor mag man noch verhandeln, sich selbst verpflichten und all das – darauf hat Politik vielleicht Einfluß, mit ihren ureigenen Mitteln aber hantiert sie, wenn sie etwas regelt, das anders nicht zu erledigen ist. Das ist nicht Kapitulation, das ist eine Frage des politischen Gestaltungswillens. Den muß man in diesem Fall nicht haben – es gibt viele Gründe dafür, Quoten abzulehnen – aber sich auf “Sachzwänge” oder das Schlagwort “Kapitulation” zu berufen, ist unpräzise und für eine Person in Schröders Position schlichtweg feige.

Update:


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June 29 2010

Das Recht, eine Familie zu gründen

Wie queernews.at meldet, hat die ECSOL (European Commission on Sexual Orientation Law), eine Gruppe von Rechtsexpert_innen, die sich mit sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität im Kontext europäischen Rechts beschäftigt, in einem Newsletter auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Bezug genommen.

Ohne daß ich selbst die Entscheidung des EGMR im Einzelnen kommentieren und bewerten könnte (und vor allem ohne daß ich auf den konkret verhandelten Fall eingehen wollte), lassen sich nach queernews.at daraus vor allem folgende Schlüsse ziehen:

Auch wenn derzeit die Mitgliedsstaaten der EU noch nicht daran gehindert werden können, über nationales Recht die Ehe nur heterosexuellen Paaren zu gestatten, so will der Gerichtshof Artikel 12 der Europäischen Menschenrechtskonvention (MRK) nicht weiterhin so verstanden wissen, daß die Ehe allein heterosexuellen Paaren offenstehen könne.

Entgegen seiner bisherigen Rechtsprechung, daß eine “Familie” stets auf der Grundlage einer heterosexuellen Partnerschaft entstehe, hat der EGMR außerdem jetzt entschieden (ich zitiere queernews.at)

dass angesichts der raschen Entwicklung der gesellschaftlichen Haltung zu gleichgeschlechtlichen Paaren eine solche künstliche Unterscheidung heute nicht mehr angebracht ist und dass die Beziehung der Antragsteller, eines gleichgeschlechtlichen Paares, das in einer stabilen De-Facto Partnerschaft zusammenlebt, ebenso unter den Begriff “Familie” fällt wie ein verschiedengeschlechtliches Paar in der gleichen Situation.

Mühsam ernährt sich natürlich das Eichhörnchen, und bis zu einer Gleichstellung ist es noch weit – von einer Integration radikalerer Konzepte jenseits der dichotomen Geschlechterordnung und der exklusiven Zweierbeziehung einmal ganz abgesehen. Aber langsam tut sich hier was im europäischen Recht.

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June 24 2010

Die erste… Premierministerin in Australien

Julia Gillard, bisher stellvertretende australische Regierungschefin, ist gestern wohl etwas überraschend Nachfolgerin von Kevin Rudd geworden, nachdem sie ihn zu einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz herausgefordert hatte.

Details hat die Deutsche Welle.

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June 22 2010

Auch ein schwuler Chor kann irren

Anmerkung des Herausgebers: Dieser Beitrag ist ursprünglich für eine andere Publikation entstanden, wurde uns aber freundlicherweise von der Autorin zur Publikation überlassen.

Die Vorstellung beginnt draußen vor der Volksbühne und hat eine Menge Schauspieler angelockt. Frauen, die Frauen spielen, und Frauen, die Männer spielen, und Männer, die irgendetwas dazwischen spielen. So richtig weiß man das nicht genau, und darauf haben es die überwiegend schwul-lesbischen Versammelten angelegt. Für sie sind Geschlechterrollen nämlich tatsächlich Rollen – einstudierbar, aufführbar, eine große Schau. Und wer in eine Rolle schlüpfen kann, der kann auch in eine andere schlüpfen, glauben sie. Und spielen.

Diejenige, die das mit dem Geschlecht und der Schauspielerei formuliert hat, übernimmt an diesem Abend die Hauptrolle: Judith Butler, amerikanische Philosophin an der Universität Berkeley und Mutter der sogenannten „Queer“-Forschung. Vor 20 Jahren gab sie mit ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter der schwul-lesbischen Szene ihren theoretischen Unterbau. Seitdem wird sie unter sexuellen Minderheiten als Ikone gefeiert. Auch deshalb will man ihr am Folgetag auf dem Berliner Christopher Street Day (CSD) den Zivilcouragepreis verleihen. Sie wird ihn ablehnen. Das Event ist ihr zu „kommerziell“.

Den eigentlichen Grund kann man schon am Vorabend erahnen. In ihrem Vortrag über „Queere Bündnisse und Antikriegspolitik“ in der Volksbühne ruft Butler Schwule und Lesben dazu auf, gemeinsam mit anderen Minderheiten gegen Gewalt einzutreten anstatt nur für die eigene Sache auf die Straße zu gehen. „Ich weiß nicht, was queer-Sein heißt“, sagt sie. „Aber ich weiß, was es bedeutet, Teil einer Allianz zu sein, die unser Leben lebbarer macht.“ Sie erteilt damit all denen eine Absage, die versuchen, sie für irgendeine Ideologie einzuspannen. Denn auch ein CSD vergisst vor lauter Feierei manchmal, dass es Andersdenkende gibt. Für politisch wichtiger hält Butler etwa den „Transgenialen CSD“, der an diesem Wochenende in Kreuzberg stattfindet. Hier geht man gemeinsam mit Migranten auf die Straße, kämpft gegen die Diskriminierung verschiedener Minderheiten. Auf die Frage eines Zuhörers, warum sie einen Preis entgegennehmen würde, der Homosexualität als neue Normalität darstelle, antwortet sie schon am Freitag ausweichend: „Ich fürchte tatsächlich, das meine Theorien an Stärke verlieren, wenn sie institutionalisiert werden. Das mit dem Preis warten wir mal ab.“

Ihr Autritt ist brilliant. Das Publikum, das so sehr an Butlers Schauspiel-Thesen glaubt, folgt verzückt ihren Ausführungen zu Homophobie und dem Recht, seine Liebe offen ausdrücken zu dürfen. „Es ist eine Form von Freiheit, auf der Straße man selbst sein zu können“, sagt sie. Solange es eine „Gender-Polizei“ gebe, die vorschreibe, wer sichtbar sein dürfe und wer nicht, mache sich ein Staat kriminell. „Denn damit erklärt eine Gesellschaft bestimmte Menschen für wertvoll und andere für verzichtbar.“

Das ist klassischer Butler-Stoff. Denn ihre Philosophie erklärt, wie wichtig es ist, sich nicht gegen das Fremde abzuschotten, sondern es als Teil des eigenen Lebens anzuerkennen. „Wir sind aneinander gebunden, von Anfang an.“ Den Satz wiederholt die 54-Jährige immer wieder. Und mit jeder Wiederholung dreht er sich ein bisschen weiter, der Satz, bis er schließlich nicht mehr nur klassisches Geschlechterdenken, sondern auch homosexuellen Hochmut kritisiert – das wohlige „Wir“-Gefühl, das Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle sich seit ihrem Unbehagen der Geschlechter geschaffen haben. Mit dem Zivilcouragepreis lehnt Butler daher vor allem einen Guru-Status ab. Er ist ihr sichtlich unbehaglich.

Früher am Abend, bevor Butler kam, haben sie in der Volksbühne Rene Pollesch gespielt: „Ein Chor irrt sich gewaltig“. Normalerweise ist man sich unter Schwulen und Lesben einig, dass mit dem „Chor“ eigentlich nur die heterosexuelle Mehrheit gemeint sein kann, die immer noch nicht verstanden hat, dass Frauen und Männer eigentlich nur ziemlich gute Kostüme tragen. Als die Zuhörer gegen Mitternacht den Saal verlassen, hat der Pollesch-Titel einen neuen Beigeschmack. Butler hat ihre Fans heute abend selbst zu Chormitgliedern erklärt. Eine ungewohnte Rolle. Aber was hilft es? Die Bühne, das wissen sie, ist überall.

(Ein anderer Bericht zum Abend in der Volksbühne findet sich hier, unten findet sich die Ansprache Butlers auf dem CSD als Video [via]. Weitere Anmerkungen zu Butler zum Beispiel bei Theorie als Praxis oder bei Antje Schrupp.)

Sarah Schaschek ist Doktorandin am Institut für Amerikanistik an der Universität Bonn und forscht zum Thema Pornografie und Serialität. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Bonn und einem kleinen Ausreißer nach Potsdam für ein Zeitungs-Volontariat (wo das Thema Feminismus noch praktisch unbekannt war), brach sie letzten Sommer nach Berkeley auf, um sich ganz auf ihre Promotion zu konzentrieren. Aus dem Freidenkerstaat Kalifornien hat sie viele genderpolitische Ideen mitgebracht, die sie nun ungeniert zu verbreiten gedenkt.

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June 07 2010

Kot über dem Familienministerium

Daß die aktuellen Sparbeschlüsse der Regierungskoalition von vielen, anders als vom Vizekanzler, nicht als “ausgewogen, fair und gerecht” beurteilt werden würden, war ja durchaus vorauszusehen – nicht zuletzt, weil Hartz-IV-Empfänger_innen gleich an mehreren Stellen betroffen sind, während man vermuten darf, daß etwa die geplante Bankenabgabe, die es zur Überraschung aller nicht Beteiligten doch in den Entwurf geschafft hat, bis zu ihrer Einführung durch Lobbygruppen noch hinreichend verwässert wird. Hartz-IV-Empfänger_innen haben solche Lobbygruppen nicht.

Aber das ist alles jetzt nicht einmal der entscheidende Grund dafür, daß sich seit einigen Stunden über der Familienministerin etwas zusammenbraut, was man in Internet-Parlance “shitstorm” nennt, und was anderso bedeutet: Daß Frau Schröder, geb. Köhler, jetzt erst einmal mit sehr vielen politischen wie persönlichen Attacken rechnen muß.

Der Grund dafür ist dieser Tweet vom Abend des 7. Juni 2010:

Zunächst einmal muß man dazu feststellen: Das sind arg verkürzte Daten, mit denen die Ministerin hier um sich wirft, aber das ist dem Medium geschuldet, es fehlt der Platz für größere Genauigkeiten und damit für die Berechnungsgrundlagen. Denn “die” Familie in Hartz IV gibt es ja nicht – bei ein paar schnellen Testrechnungen für eine Familie mit zwei kleinen Kindern (und entsprechendem Kindergeld, das vom Anspruch flugs wieder abgezogen wird) kann man, je nach Höhe der Miete und regionalen oder persönlichen Besonderheiten, tatsächlich auf solche Zahlen kommen.

Schröders Tweet bezieht sich darauf, daß in den Sparbeschlüssen auch davon die Rede ist, das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger_innen ganz abzuschaffen – und er soll diese Streichung rechtfertigen.

Wir erinnern uns: Bisher gibt es einen Mindestanspruch von 300 Euro pro Monat, selbst wenn man vorher nichts verdient hat; wer mehr verdient, bekommt etwa zwei Drittel des vorherigen Gehalts ausgezahlt. (Und wir erinnern uns: Schon die Einführung des Elterngeldes brachte für die Finanzschwächeren gegenüber dem bis dahin geltenden – einkommensunabhängigen – Erziehungsgeld eine Verschlechterung. Konnte man vorher ein Jahr lang 450 Euro oder zwei Jahre lang 300 Euro beantragen, waren es nun, beim Elterngeld, bei keinem oder geringen Einkommen maximal 14 Monate lang 300 Euro.)

Was viele (und auch mich – das marx-blog dokumentiert einige Reaktionen auf Twitter) an diesem Tweet aber so wütend macht, ist seine Haltung gegenüber den Betroffenen, die sich als Solidarität mit jenen tarnt, die trotz Arbeit nicht mehr Geld oder gar weniger haben denn Hartz-IV-Empfänger_innen. Schröder bemüht dafür den Begriff der “Gerechtigkeit” und schreibt so erst recht großen Quark: Denn ist die Verteilung von Arbeit in unserer Gesellschaft etwa gerecht? Und wie gerecht ist es eigentlich, daß Schicksal der Eltern auf dem Rücken der Kinder (deren Wohl das Elterngeld ja angeblich primär dienen soll) auszutragen und auch noch argumentativ zu verhandeln?

Viel weiter und größer wird dann aber rasch die Frage danach, wie gerecht denn überhaupt hier Arbeit und Geld verteilt sind. Wie steht es etwa um die Menschen, die trotz Arbeit auf Hartz IV angewiesen sind (die berühmt-berüchtigten “ostdeutschen Friseurinnen”)? Und sollte Frau Schröder tatsächlich der Meinung sein, eine Familie mit zwei Kindern komme ja auch leicht mit dreihundert Euro weniger aus, also mit nicht ganz 1600 Euro?

Daß viele Familien, in denen ein Elternteil oder beide Eltern arbeiten, auch nicht wesentlich mehr zum Leben haben, ist womöglich sogar richtig, kann aber kein Argument dafür sein, die auf die Unterstützung des Staates angewiesenen Menschen in Armut zu halten – Frau Schröder wäre besser beraten, sich für bessere Lebensbedingungen für alle Familien einzusetzen, auch und gerade die, die die finanziellen Mittel dafür nicht so sehr haben. Wie wäre es zum Beispiel mit Mindestlöhnen? Mit einer Förderung Alleinerziehender?

Das wäre als Bundesfamilienministerin auch eigentlich ihre Aufgabe – und nicht, wie sie es im Video-Interview mit sueddeutsche.de macht, den Familien abstrakt vorzuargumentieren, daß ihr Elterngeld “systemwidrig” gewesen sei.

Dieser Augabe will sie aber wohl nicht so recht nachkommen; und so fühlt sich das arrogant und ahnungslos an, wenn eine kinderlose Bundesministerin mit einem Einkommen im fünfstelligen Bereich den am Existenzminimum kratzenden Familien erklären will, das sie halt mal die Gürtel enger schnallen lassen müßten. Es sind schließlich, wie Stephan Ueberbach auf tagesschau.de kommentierte, ja keineswegs die meisten Bürger_innen, die “über ihre Verhältnisse” gelebt hätten.

Wenn da jetzt also Exkrement über das Ministerium hereinbricht, hat sich Dr. Kristina Schröder das zumindest mit ihrer Zustimmung zu allerlei Sparbeschlüssen redlich erarbeitet.

Sehr lesenswert hat übrigens Antje Schrupp die Abschaffung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfänger_innen in größere politische Linien eingeordnet.


Bild: Til Mette; Lizenz: CC-BY-SA; Quelle: Wikipedia; via


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May 07 2010

Helft Hebammen helfen!

Die hier bereits angekündigte e-Petition (was ist das?) zur Protestaktion des Deutschen Hebammenverbandes e.V. ist seit Mittwoch nun online. Bitte unterzeichnet sie auf dem Petitionsserver des Deutschen Bundestages und laßt auch Eure Freundinnen und Freunde von dieser Aktion wissen. 50.000 Unterzeichner_innen sind notwendig, damit sich der Petitionsausschuß mit dem Thema beschäftigen muß, nach kaum zwei Tagen sind schon fast 40.000 Unterschriften zusammen!

Für E-Mails und Twitter gibt es einen praktischen Kurzlink zur Petition: http://bit.ly/helft-hebammen-helfen.


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April 30 2010

European Pro Choice Network

Sarah Diehl hat uns gebeten, den folgenden Aufruf zu veröffentlichen, bei dem es um ein Blog geht, das sich mit dem Abtreibungsrecht im Europäischen Kontext beschäftigen wird (der Text ist deshalb auf Englisch). Das Blog soll eine mögliche Schnittstelle für ein europaweites Bündnis von Aktivist_innen sein, die sich für das Recht auf legalen Zugang zu Abtreibungsmöglichkeiten einsetzen. Aber gerne doch:

Dear Colleagues and Friends,

We are very concerned by the criminalisation of abortion in some member states of the European Union, with the increasing activities of anti-choice groups and politicians within the EU, as well as the problems of access to abortion in countries where abortion is legal.

For these reasons, we think it is very necessary to join together and share our knowledge and experiences and establish a pro-choice network using the blog www.europeanprochoicenetwork.wordpress.com

This blog will be used for:

  1. Exchanging information on
    • the activities of anti-choice groups and politicians in our countries;
    • problems regarding abortion access also in countries where abortion is legal;
    • experiences in opposing anti-choice activities in legal ways as well as campaigning, demonstrating and using internet platforms.
  2. Establishing a pro-choice solidarity network
    • for exploring possibilities to support each other in researching and campaigning in our individual countries or within the EU;
    • exploring the possibility for public hearings in the EU Parliament;
    • organising further meetings and conferences.

Please check the blog for further information.

We are asking you to please spread the word widely about the blog so that people from all EU countries can follow the blogs activities. You are welcome to post any information concerning the issue of abortion and reproductive rights on this blog.

The focus on the EU is not to impose any exclusions, so any information from other countries is welcome as well and we are aware of the necessity to cooperate and exchange worldwide.

The focus on EU countries nevertheless is to explore possibilities to use EU institutions for our purpose.

Postings in any language are welcome, but we appreciate a summary in English. (You can use translation websites like http://translate.google.com or http://babelfish.yahoo.com)

If you like, we can sign you up with your own account as an author. Otherwise you can send information to this email adress prochoicenet@yahoo.com and we will post your info. Nevertheless if you want to contribute frequently, we would ask you to sign up as a contributor.

Please consider that this blog is brandnew so keep checking within the next months how it will develop.

If you have any questions about how to use this blog or any other comments please ask us for advice at: prochoicenet@yahoo.com

We hope for a fruitful and vivid exchange.
All the best from Sarah, Agata and Stephanie


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April 26 2010

Zur Situation der Hebammen in Deutschland

Der Deutsche Hebammenverband ruft zur Teilnahme an einer Online-Petition ab 5. Mai (dem Internationalen Hebammentag) auf sowie generell zum Protest gegen die massiv ansteigenden Haftpflichtprämien, mit denen freiberufliche Hebammen sich ab 1. Juli konfrontiert sähen.

Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V. hat zu diesem Thema auch einen Protestbrief für Hebammen vorbereitet, und die etwas seltsam benamste Initiative “Hebammen für Deutschland” hat eine Facebook-Gruppe ins Leben gerufen.

Hier ist der Text der Petition:

Der Bundestag möge Sofortmaßnahmen beschließen, um eine wohnortnahe Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe und die freie Wahl des Geburtsortes auch nach dem 1. 7. 2010 sicher zu stellen. Gefordert wird auch die Aufnahme eines Sicherstellungsauftrages für Hebammenhilfe analog § 72 SGB V. Des Weiteren möge der Bundestag eine Datenerhebung zum Bedarf an Hebammenhilfe und deren Deckung beschließen.

Begründung:

Steigende Haftpflichtprämien u. unzureichende Vergütung zwingen Hebammen zum Aufgeben der Geburtshilfe. Dadurch kann die flächendeckende Versorgung nicht mehr sichergestellt werden.

Nach der Einführung u.a. des § 116 SGB X sind die Krankenkassen dazu übergegangen Regressabtei-lungen zu beschäftigen. Sie sollen bei teuren Behandlungsfällen gezielt dafür sorgen, die zu erwar-tenden Kosten der Sozialversicherungsträger gegen zu finanzieren.

1992 waren freiberufliche Hebammen zu einer Jahresprämie von umgerechnet 179 €, incl. Geburtshilfe, versichert. Durch Verzehnfachung der Prämie (2370 €) bis 2009 sank der Anteil der Hebammen, die neben Schwangerenvorsorge u. der Betreuung im Wochenbett auch Geburtshilfe anbieten, auf 23%. Mit der Steigerung der Haftpflichtprämie für das Berufsrisiko Geburtshilfe auf 3689 € ab 1.7.2010 ist absehbar, dass sich die verbleibenden Hebammen aus dem Kernbereich ihres Berufes zurückziehen.

Das Problem betrifft freiberufliche u. angestellte Hebammen. Auch Angestellte müssen aus ihrem Gehalt eine eigene Haftpflichtversicherung abschließen, weil Klinikträger zu niedrige Deckungssummen versichern. Durch Personalabbau steigt das Haftungsrisiko, weil Hebammen mehrere Geburten gleichzeitig betreuen müssen.

Die Entlassung der Hebammen in die eigenverantwortliche Vergütungsverhandlung mit den Kranken-kassen in 2006 erfolgte mit einem Rückstand in der Anpassung der Honorare. Die gleichzeitige Vorgabe aus § 71 SGB V (Beitragsstabilitätsgesetz), vergrößert diesen Rückstand.

Die Ausnahmeregelungen nach § 71 SGB V (Abs. 1-2) greifen nicht, da keine Daten vorliegen u. kein Sicherstellungsauftrag zur Durchsetzung des Rechtes auf Hebammenhilfe nach § 196 RVO besteht. Durchschnittlich erzielt eine freiberufliche Hebamme 23,300 € Umsatz im Jahr. Das real zu versteuernde Einkommen liegt im Schnitt bei 14,150 € im Jahr, bzw. 7,50 € Netto pro Stunde. Für die Durchführung einer Geburt erhält die Hebamme ein Bruttohonorar von:

  • 224,40 € für die Beleggeburt
  • 367,20 € für die Geburt im Geburtshaus
  • 448,80 € für die Hausgeburt

Als Ausgleich für gestiegene Haftpflichtprämien wurden von den Kassen 4,39 € für Beleggeburten u. 14,19 € für außerklinische Geburten geboten. Die Gesamtsumme der Gebühren für Geburtshilfe wird ab dem 1.7.2010 ausschließlich die Haftpflichtprämien decken – ohne dass ein Verdienst für die Hebamme übrig bleibt!

Die Zentralisierung der Geburtshilfe in perinatologischen Zentren benötigt ein Gegengewicht von wohnortnaher Versorgung für gesunde Schwangere u. eine intensive Weiterbetreuung nach der heute üblichen Frühentlassung. Doch immer mehr kleinere Krankenhäuser sind gezwungen ihre ge-burtshilflichen Abteilungen zu schließen, weil weder Beleghebammen noch – Ärzte ihre Prämien zahlen können.

Die Politik wird deshalb aufgefordert Abhilfe zu schaffen. Wenn die Bundesregierung ihrer Verpflichtung nachkommen will eine flächendeckende Versorgung zu garantieren, sind Sofortmaßnahmen zu ergreifen.


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March 26 2010

26. März – Equal Pay Day

Heute ist Equal Pay Day – Frauen in Deutschland haben im statistischen Durchschnitt die ersten 23% dieses Jahres (die jetzt vorbei sind) für umme gearbeitet, denn nach wie vor verdienen sie, wie das Statistische Bundesamt zuletzt für 2008 festgestellt hat, durchschnittlich 23% weniger als Männer (das ist der Gender Pay Gap, auch Gender Wage Gap genannt). Diese Zahlen lassen freilich keine Schlüsse darüber zu, ob Männer und Frauen in gleicher Position und bei gleicher Ausbildung gleich bezahlt werden oder nicht, wie das Bundesamt warnt:

Bei der Interpretation der Werte sollte berücksichtigt werden, dass es sich um den unbereinigten Gender Pay Gap handelt. Aussagen zum Unterschied in den Verdiensten von weiblichen und männlichen Beschäftigten mit gleichem Beruf, vergleichbarer Tätigkeit und so weiter sind damit nicht möglich.

EPD-LogoSelbst mit diesem unbereinigten Gender Pay Gap stehen Frauen in Deutschland schon schlechter da als im europäischen Vergleich oder im Durchschnitt der OECD-Staaten.

Der Frauenbund gibt für den bereinigten Gender Pay Gap einen Wert von 12% an, ohne allerdings auf dessen Bestimmung näher einzugehen. Das Statistische Bundesamt gibt einige Hintergrundinformationen zum genauen Zustandekommen der Gender Pay Gap, und in der Zeit hat Tina Groll im vergangenen Oktober sich genauer angesehen, welche Zahlen das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung dazu herausgefunden hat.

In einer Untersuchung auf Basis eines selbst erhobenen Lohnspiegels hat das WSI unter anderem festgestellt, daß schon Berufsanfängerinnen weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. (Weitere Infos in Kurzform in diesem PDF.)

Die Einkommensrückstände von Frauen lassen sich nur zum Teil durch unterschiedliche berufliche Präferenzen, Unterschiede in der Ausbildung sowie berufliche Unterbrechungen auf Grund von Kindererziehung erklären. Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten spielen auch eine Rolle. All dies sind jedoch nur Teilerklärungen.

Mit ihrer Studie (PDF) kommen die Autor_innen schließlich zu dem Ergebnis:

Insgesamt bestätigt unsere Studie, dass Frauen bereits in den ersten Berufsjahren finanziell gegenüber Männern benachteiligt werden. Dieser geschlechtsspezifische Einkommensrückstand lässt sich vollständig weder durch unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen noch durch eine spezifische Berufswahl erklären. Die Ergebnisse verweisen vielmehr auf das Fortbestehen geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung.

Selbst bei unterschiedlichen “Präferenzen” in Ausbildung und Berufswahl sowie durchschnittlich kürzerer Arbeitszeiten – alles Phänomene, die keineswegs unabhängig von geschlechterpolitischen Fragen zu sehen sind – besteht also doch immer noch eine Form von Ungleichbehandlung, bei der Frauen trotz gleichwertiger Qualifikationen und gleichwertiger Arbeitskraft weniger verdienen.

Darauf geht auch dieser hübsche Spot ein (via):

cheap_women_255Das von anti-feministischen Kommentatoren gerne gebrachte Argument, daß der Gender Pay Gap in seiner bereinigten Form nicht existieren könne, weil ansonsten ja Firmen nur noch Frauen anstellen würden (die ja, der Spot spielt damit, billiger zu haben seien), ist natürlich nicht stichhaltig, sondern entsteht aus einem neoliberal-marktpuristischen Mißverständnis: Es sind eben nicht nur rein rationale Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit, die Personalentscheidungen etc. entstehen lassen; die Strukturen der Geschlechterordnung greifen wesentlich tiefer in unser Handeln und Entscheiden ein, als uns immer bewußt ist.

Und das betrifft ebenso die Entscheidungen von Männern wie Frauen in Sachen Ausbildung, Berufswahl und Reproduktionsarbeit wie eben auch die Entscheidungen jener Menschen, die in Unternehmen für die Personalbetreuung, -auswahl und -beförderung zuständig sind.

Genau deshalb ist eine Frauenquote, wie jetzt von der Telekom eingeführt, eine sinnvolle Sache (wenn auch nicht der Weisheit letzter Schluß), weil sie diese nicht-bewußten, zum Teil auch nicht-gewollten Mechanismen und Prozesse unterläuft oder idealerweise sogar bewußt macht und ändert. Das liegt durchaus auch im Interesse der Unternehmen, und zwar nicht, weil sie den Frauen weniger zahlen müßten (das kann nicht das Ziel einer Quote sein), sondern weil sie sich für Kräfte und Ideen öffnen, die ihnen sonst fehlten.

Logo: BPW Germany e.V.; Plakat via Essential Estrogen


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March 19 2010

Der schwule Mann kämpft nicht gern?

Man muß schon ein paar argumentative Pirouetten drehen, um das im Hirn wirklich zusammenzubringen: Nach Ansicht des früheren amerikanischen Generals und Nato-Kommandeurs John Sheehan ist die Anwesenheit homosexueller Soldaten unter den niederländischen Friedenstruppen ein Grund dafür, daß diese das Massaker von Srebrenica 1995 nicht verhindert hatten.

Der Focus berichtet mit dpa und AFP:

Sheehan hatte [...] bei einer Senatsanhörung in den USA dargelegt, die Kampfmoral der niederländischen Truppe sei wegen der Anwesenheit schwuler Soldaten zu gering für eine Verteidigung von Srebrenica gewesen. Der 1997 pensionierte General wurde zu Fragen über eine mögliche Zulassung von Homosexuellen zum Dienst in den US-Streitkräften angehört. [...]

Bei der Senatsanhörung erklärte Sheehan vor laufenden Kameras, der damalige niederländische Stabschef Henk van den Breemen habe ihm gesagt, Schwule in seiner Armee seien in Srebrenica „Teil des Problems“ gewesen.

Das niederländische Verteidigungsministerium hat dem widersprochen, mit zum Teil deutlichen Worten:

“It is astonishing that a man of his stature can utter such complete nonsense,” defence ministry spokesman Roger van de Wetering told AFP.

Nun ist natürlich klar, daß das Vorurteil von den friedliebenden und kampfesunwilligen (weil: unmännlichen) Schwulen weit verbreitet ist (es gibt einen sehr lesenswerten Roman, der einigermaßen bizarr um dieses Vorurteil Funken schlägt), aber zum einen sollte ein Nato-Kommandeur doch vielleicht so reflektiert und weltgewandt sein, daß er solchen Schmarrn wenigstens hinterfragt (oder ihn wenigstens nicht in laufende Kameras wiederholt). Und zum anderen sollte er den ganz offensichtlichen Widerspruch doch sehen, daß diese Männer ja immerhin wohl Berufssoldaten geworden sind, wozu m.W. auch in den Niederlanden niemand gezwungen wird.

Und wären, müßte man die absurden Denkmuster eigentlich noch weiterschieben, dann übrigens die ja so “männlichen” Lesben – der Begriff “Kampflesbe” spitzt das ja schon zu – nicht die besseren Soldatinnen?

Sheehans Äußerungen stehen im Zusammenhang mit der Neubewertung der bisherigen ‘Don’t Ask, Don’t Tell’-Politik des amerikanischen Militärs, die derzeit im Senat diskutiert wird. Der Militärberater von Barack Obama etwa spricht sich dafür aus, Homosexuelle ohne Wenn und Aber im Militär zuzulassen. queer.de hat dazu ein paar Hintergründe zusammengestellt.


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March 09 2010

Kristina Schröders Gleichstellungskonzept

Natürlich ist die Rede, die Kristina Schröder vergangene Woche anläßlich des gestrigen Weltfrauentages im Bundestag gehalten hat, primär politische Rhetorik. Das heißt, sie dient ein wenig der Positionsbestimmung, der Abgrenzung vom politischen Gegenüber und der Selbstspreizung. Irritierend ist aber doch, wie sehr sich gelegentlich die Ministerin in ihrer argumentativen Struktur an Guido Westerwelles jüngste Hartz-IV-Schoten anschmiegt, indem sie nämlich längst Bestehendes fordert und schon lange Diskutiertes als neue, gar eigene Position präsentiert.

Und nicht weniger irritierend ist, daß ich bei Westerwelle geneigt bin, solches Gehabe für Provokation, Randale und womöglich gar Strategie zu halten, bei Schröder aber (und ich bin wohl nicht der einzige) dazu neige, solche rhetorischen Strukturen eher einer vermuteten Ahnungslosigkeit zuzuschlagen. Das hat womöglich mit ihrem Alter zu tun und dem Umstand, daß sie in den Bereichen Familie, Gleichstellung & Cie. bisher nicht besonders aufgefallen war. Aber das wäre Stoff für einen anderen Blogeintrag.

Am Anfang ihrer Rede fragt Schröder:

Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen?

Ja, warum? Bzw.: Warum nimmt Frau Schröder nicht zur Kenntnis, was seit nicht nur gefühlten Jahrzehnten dazu gesprochen, geschrieben, diskutiert wird? Leider ist der Blick der Ministerin auf “kulturelle und strukturelle Ursachen” allerdings ein recht eingeschränkter. Denn in ihren kulturellen und strukturellen Kontexten ist offenbar nicht vorgesehen, daß das Konzept der freien Willensentscheidung für eine bestimmte Lebensweise zumindest problematisch ist.

Berufstätige Männer nehmen oft zwei, drei Karrierestufen auf einmal, während berufstätige Frauen meist zwei, drei Jobs auf einmal machen, nämlich Beruf, Kindererziehung und Haushalt.

Das hat wenig mit individuellen Denk- und Verhaltensmustern zu tun. Wenn Paare sich freiwillig für dieses Modell entscheiden, dann ist das ihre Privatsache. Aber in vielen Fällen ist es nicht so. Viele Paare heute wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft.

Es ist eine beliebte rhetorische Figur konservativer (Familien-)Politiker, auf diese Form der “freien Willensentscheidung” zu verweisen. Danach entscheiden sich die Frauen eben für ein Leben, das sich primär an den Kindern (und am Haushalt, etc.) ausrichtet, sie wollen gar keine Karriere machen, sondern lieber halbtags arbeiten, während die Männer eben nicht zu Hause bleiben wollen oder in extremeren Wahrnehmungen (Eva Herman et al.) Kindererziehung und Haushalt gar nicht können. Die Wahrheit hinter diesem Willen ist natürlich etwas komplexer, und Jana Hensel hat das vor einigen Wochen im Zeit-Magazin anhand von Zahlen – ausgerechnet! – des Bundesfamilienministeriums aufgezeigt:

Eine bereits im August im Auftrag des Familienministeriums erschienene Evaluationsstudie über die Auswirkungen des Elterngeldes auf die Erwerbstätigkeit und die »Vereinbarkeitsplanung« [...] belegt: Fast 90 Prozent aller Väter nehmen die alte Arbeit uneingeschränkt wieder auf. Damit wird die männliche Beschäftigungsquote vor der Geburt auch hinterher wieder erreicht.

Das Leben der Mütter unterdessen wurde binnen eines Jahres auf den Kopf gestellt. Während 55 Prozent von ihnen vor dem ersten Kind in Vollzeit beschäftigt waren, rutscht die Quote danach in den Keller. Nur 14 Prozent kehren in die Vollbeschäftigung zurück; nach zwei Kindern sind es nur noch 6 Prozent.

[...] Wobei wahrscheinlich jeder dieser Väter seinen Schritt mit persönlichen Gründen belegen kann. Wobei wahrscheinlich jede Mutter glaubt, sich ganz individuell für das Kind und gegen die Karriere entschieden zu haben. Alle werden bestreiten, nach traditionellen Mustern gehandelt zu haben, obwohl die Zahlen nichts anderes als deren Fortwirken belegen.

Mit anderen Worten: Eine strukturelle Veränderung ist hier nicht auffindbar. Wenn nach der Geburt eines Kindes die bisher vollbeschäftigten Männer dies weiterhin bleiben, von den Frauen aber wenig mehr als ein Zehntel, dann ist das nicht zwar vielleicht subjektiv freier Wille, dahinter stehen aber strukturelle, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren, die jede freie Willensentscheidung mindestens durchdringen und beeinflußen.

Natürlich hat Schröder recht, daß diese Benachteiligung mindestens auch etwas damit zu tun hat, wer sich um “Fürsorgeaufgaben” (man nennt es auch Reproduktionsarbeit) kümmert:

Meine These ist, dass Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.

Und natürlich muß man ihr zustimmen, daß hier die staatliche Förderung auch mehr auf jene Rücksicht nehmen sollte, die alte Menschen pflegen – auch das sind meist die Frauen. Aber all das ist nicht erst seit gestern so, diese Erkenntnisse sind nicht neu, und ob Schröder das ändern will, ist ungewiß; man müßte mal ein tiefergehendes Interview zu ihrem Geschlechterverständnis mit ihr lesen (oder führen), um ihre Äußerung “Männer und Frauen haben im Schnitt unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten” im Interview mit der FAZ richtig zu deuten und vor allem auf ihre politische Bedeutung abklopfen zu können.

So steht in der Rede letztlich nichts von wirklichem Belang – sie will sich eben doch, “Grundsatzrede” hin oder her, noch nicht richtig festlegen; “Quotenregelungen” seien falsch, eine “Mindestanteilsregelung” könne sie sich hingegen feststellen. Wo auch immer da nun der Unterschied sein mag.

Interessant bleiben aber doch die Leerstellen im Text – Schröder glaubt nicht an “schenkelklopfende Diskriminierung” und hat doch außer dem Verweis auf einen Artikel in der Wirtschaftswoche kein rechtes Konzept, wie es denn dann zu den strukturellen De-Facto-Unterschieden kommt, die sie selbst ja beschreibt. Und irgendwann wird sie sich einmal darüber klar werden müssen, wie das eigentlich funktioniert mit den nach Geschlechtern gar nicht so hübsch geordneten Entscheidungsmöglichkeiten für einen bestimmten Lebensentwurf.

(Weitere Kommentare dazu in der taz und im Mädchenblog.)


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January 31 2010

FachGesellschaft GeschlechterStudien gegründet

Am 29.01.2009 gründeten ca. 150 TeilnehmerInnen der Gründungsveranstaltung die Fachgesellschaft Geschlechterstudien / Gender Studies Association. Der Verein wurde gegründet, zur

Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie die Förderung der Gleichberechtigung aller Geschlechter, insbesondere der Etablierung und Weiterentwicklung der Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum, aber auch im internationalen Austausch, die Verständigung über den Forschungsstand und die inter- und transdisziplinäre Kooperation in den Geschlechterstudien und die Verankerung von Fragestellungen zu Gender in der Forschung und Lehre. (aus der Satzung § 2)

Das Genderblog gratuliert Sabine Hark, Paula-Irene Villa, Susanne Baer, Sigrid Schmitz, Aline Oloff, Antke Engel und Regina Frey für ihre Wahl in den Vorstand. Die Arbeit in der Gesellschaft wird über thematische Arbeitsgruppen organisiert werden. Vorschläge für Arbeitsgruppen müssen an den Vorstand gerichtet werden.

Für alle, die nicht an der Gründungsveranstaltung teilnehmen konnten und in der Gesellschaft mitwirken wollen, findet sich sicherlich in den nächsten Tagen die Satzung und ein Beitragsformular auf der Seite http://fg-gender.de/.


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December 04 2009

We have nothing to fear

Sorry, daß ich das Thema gerade sehr strapaziere bei meinen gelegentlichen Wortmeldungen hier, aber diese Rede zur Begründung, warum die staatliche Institution der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geöffnet werden muß (und warum die religiöse Institution darob nichts zu befürchten hat) ist in der Tat ein bemerkenswertes und ergreifendes Dokument. Auch wenn den Argumenten von Senatorin Diane Savino leider keine Mehrheit im New Yorker Senat zu folgen bereit war.

(Danke, M.!)


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Schweinderl