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May 03 2011

Frauenquote bedroht Männerkarrieren

Ich habe die Überschrift dieses Textes einfach mal geklaut, denn präziser kann man kaum zusammenfassen, mit welchen Befürchtungen sich der genau so betitelte Text von Cornelia Schmergal und Manfred Engeser aus der WirtschaftsWoche (von der Zeit übernommen) so trägt und herumschlägt.

Der Tenor dabei ist: Nur durch die ja sehr vage Androhung einer gesetzlichen Frauenquote (die im Text bizarrerweise als “oberste Bundesfrauenbeauftragte” bezeichnete Bundesministerin Schröder ist ja nun nicht dafür bekannt, daß sie diese Quote wirklich unbedingt wollen würde) schon würden mehr und mehr Unternehmen eine offizielle oder inoffizielle Quote einführen; die vermehrte Einstellung von Frauen in Führungspositionen (oder in dorthin führenden Posten) schmälere aber die bisher recht sicher geglaubten Aufstiegschancen der Männer.

Das ist natürlich für niemanden überraschend, der sich schon einmal eine Handvoll Gedanken darüber gemacht hat, was für Folgen eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen am Wirtschaftsgeschehen haben könnte. Irritierend ist aber doch, wieviel Gejammer über Ungerechtigkeit der Artikel enthält. Als sei der bisherige Umgang mit dem geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen besser, bei dem man schöne Sonntagsreden hält, Absichtserklärungen formuliert und zu Bewerbungen auffordert, nur um dann doch tendenziell mehr Männer nach oben zu befördern und die Schuld bei den angeblich persönlichen, privaten und natürlich nicht über-individuellen Lebensentscheidungen und Verhaltensweisen der Frauen zu suchen.

Anders gefragt: Ist es wirklich besser, ein System unterschwelliger, aber offensichtlicher Diskriminierung fortzuschreiben, dessen Wirksamkeit sich überall statistisch nachweisen läßt, als eine Quote einzuführen, deren Ziel es nur sein kann, sich auf lange Frist selbst überflüssig zu machen, und die in Einzelfällen auch mal Männer benachteiligt? Natürlich mag es sein, daß die betroffenen Männer konkret nichts dafür können, daß sie ein Y-Chromosom haben, wie Schröder das formuliert; aber die bisher diskriminerten Frauen können für ihren Mangel desselben ja ebensowenig etwas.

Daß also auf Listen mit Besetzungsvorschlägen das eigene Geschlecht nur mit “Alibi-Funktion” aufgelistet wird, auch die “Machtlosigkeit” beim beruflichen Vorüberziehen der Menschen des jeweils anderen Geschlechts, die in dem Artikel für bedauernswerte Männer beschrieben wird, das alles kennen Frauen also nur allzugut. Und wir sollten vielleicht ab und zu (uns) daran erinnern, daß im Zweifelsfall immer wieder andere Leute uns beruflich und finanziell überflügeln – beiderlei Geschlechts, in den allermeisten Fällen aber immer noch Männer.

Wenn ein Unternehmen allerdings, wie es in dem Artikel als geradezu Standardfall wiedergegeben wird, eine Frau einstellt oder befördert, einfach weil dies ob der drohenden Quote sein muß und obwohl es klar und deutlich fachlich besser geeignete Männer für den Job gibt – dann ist es schon selbst schuld. Die Quote mag dann im Einzelfall allerdings womöglich auch dafür gut sein, den Personalchef_innen deutlich zu machen, daß womöglich ihre Einschätzungen dessen, wer qualifiziert sei und wer nicht, geschlechtergerecht anpassen sollten. Wer weiß, vielleicht erleben wir mit der Quote noch so einige Überraschungen.


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Reposted byStadtgespenstzweisatzregenmaedchen

November 10 2010

Kristina Schröder und die Sache mit dem Feminismus

Es haben inzwischen schon ganz, ganz viele kluge Menschen sich zu dem furchtbaren Interview geäußert, das Bundesministerin Kristina Schröder dem Spiegel für seine jüngste Ausgabe gegeben hat. Natürlich hat auch Alice Schwarzer sich schon zur Wehr gesetzt, und der Spiegel schlägt auf seiner Website aus der selbst produzierten (und vermutlich bewußt lancierten) Diskussion mit auch nicht reflektierteren Folgeartikeln und dann angeblich stattfindendem parteiinternen Getröte noch Kapital. (Und ich verlinke das hier auch noch!)

Bei Neon versucht man sich mittels präzise gesetzter Bohrungen daran, das Niveau der Feminismen-Diskussion auf neue Tiefen zu senken, während die Bild-Zeitung sich nicht zu blöd ist (aber die ist sich ja zu nichts, etc.), die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schwarzer und Schröder auf ihrer gestrigen Titelseite als “Bizarren Sex-Streit” zu bezeichnen, was auf so vielen Ebenen schon sprachlich falsch ist, daß mir die Magensäfte grummeln.

Aber natürlich ist auch das alles zwingend für einen durch Medien fabrizierten Mediensturm, Rauschen im (nicht nur virtuellen) Blätterwald. Manche Rollen darin sind für mich gar nicht so klar. Zum Beispiel würde mich brennend interessieren, wie das Interview und die Themenwahl präzise zustande gekommen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Schröder nicht wußte, zu welchem Thema sie jetzt befragt werden würde – und auch mit solchen Gockeln als Gesprächspartner wird sie sicher schon öfter zu tun gehabt haben.

Das ist das eine; die furchtbaren Abgründe in dem, was Schröder so von sich gegeben hat – sowie die impliziten Denkvoraussetzungen, die sich dahinter verstecken -, das andere. Dazu gab es schon viel Kluges zu lesen, zum Beispiel:

Ich sage deshalb jetzt auch nichts Originelles, wenn ich meiner Irritation darüber Ausdruck verleihe, daß Schröder zwar Bedarf an Jungenförderung sieht und auch wahrnimmt, daß vor allem “die Jungs aus bildungsfernen Schichten” solchen Bedarf hätten – aber keinen Anlaß dazu sieht, danach zu fragen, ob dabei – womöglich sogar in bestimmten Gesellschaftsgruppen öfter auftretende – bestehende Geschlechtermodelle eine wichtige Rolle spielen könnten. Oder daß vielleicht die herrschenden Formen von Unterricht überhaupt für Kinder vielleicht nicht die bestmöglichen sind. Stattdessen will sie, inzwischen viel belächelt, “Diktate mit Fußballgeschichten” vorschlagen, die kämen bei Jungs eben besser an als “Schmetterlinge und Ponys”.

Jetzt mal abgesehen, daß ich mich auch als Kind da womöglich nicht so richtig einsortiert gefühlt hätte, kann ich mich nicht daran erinnern, daß wir seinerzeit enorm viele Diktate über Schmetterlinge und putzige Reittiere zu absolvieren hatten. Oder daß das irgendwas daran geändert hätte, ob wir Lust hatten, das Diktat jetzt gerade zu schreiben.

Aber Frau Schröder, die nicht daran glaubt, daß die Umwelt den Menschen macht – und deshalb konsequenterweise auch unter “Konservatismus” versteht, “die Realität zu akzeptieren” zeigt damit vor allem, daß sie nicht weiß, wovon sie redet. Daß jemand mit so unterkomplexem Denken und Argumentieren nicht nur Bundesministerin ist, sondern auch promovierte Soziologin, ist das eigentliche Armutszeugnis für unsere Ausbildungsinstitutionen voller fußballspielender Schmetterlinge. Und offenbar hat Schröder auch kein Interesse daran, ihre Bildungslücken zu stopfen – denn in den mittlerweile fast zwölf Monaten ihrer Amtszeit hätte sie sich auf ein solches Interview doch ein wenig besser vorbereiten lassen können. Für sowas hat man ja Mitarbeiter_innen.

Stattdessen offenbart die Ministerin ein allenfalls rudimentäres Verständnis davon, daß es womöglich unterschiedliche Vorstellungen zu Geschlechterkonzepten gibt, und eine mehr als lückenhafte, eben: Ahnung von Themen, Strömungen und Geschichte der feministischen Bewegungen (wobei da ihre Interviewer vermutlich nicht klüger sind, denn der Spiegel bezeichnet Alice Schwarzer beharrlich als “die deutsche Ur-Feministin” (danke, @lantzschi!) oder als “die oberste Verfechterin der Sache der Frau” – as if!). So hält sie auch den Begriff des “konservativen Feminismus” für eine “Worthülse” und sagt so schöne Sachen wie:

Ich glaube, dass zumindest der frühe Feminismus teilweise übersehen hat, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden. Es ist nicht der einzige Weg, aber es ist doch für sehr viele Menschen der wichtigste.

Nun tue ich “dem” frühen Feminismus sicher nicht unrecht, wenn ich sage, daß auch damals Partnerschaft (die Frau Schröder in diesem Zitat, davon muß man wohl ausgehen, ausschließlich heterosexuell definiert) und womöglich auch Kinder als Glücksspender in Betracht gezogen wurden – aber gerade im Kontext der Partnerschaft haben sich viele Frauen seinerzeit womöglich gefragt: Mit wem eigentlich? Und warum soll ich mir in der Partnerschaft vom Mann vorschreiben lassen, ob ich arbeiten oder ausgehen darf? Oder sie haben sich womöglich dazu entschlossen, dann doch lieber mit einer Frau zusammenzuleben, weil sie dies mit Männern für schlichtweg unmöglich hielten. (Oder sie liebten schlichtweg eine Frau. Oder… aber das wird endlos.)

Statt sich mit all diesen Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, sondert Schröder eine Reihe von Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten ab und versichert aber schon am Anfang, “meine beste Freundin” (erinnert sich noch jemand an den irgendwann gräßlich sinnentleerten Spruch “Mein Freund ist Ausländer”?) sei Feministin, wähle auch Grün und so. Vielleicht sollte diese Freundin sich die Ministerin mal zur Brust nehmen – ganz ernsthaft, in deren eigenem Interesse – und ihr das mit dem Feminismus und der Frauenbewegung mal etwas auseinanderklambüsern.

Bei der Gelegenheit könnten sie auch einmal darüber diskutieren, wie man verstehen muß, daß Schröder die Einführung von Quoten als “Kapitulation der Politik” versteht. Denn Quoten, die Einführung also von bestimmten Mindestanteilen bei der Einstellung von Frauen in bestimmten Bereichen durch eine gesetzliche Regelung – also per Entscheidung des Gesetzgebers, der gewählten Volksvertreter_innen -, können keine Kapitulation der Politik sein, sind sie doch ein politisches Mittel. Davor mag man noch verhandeln, sich selbst verpflichten und all das – darauf hat Politik vielleicht Einfluß, mit ihren ureigenen Mitteln aber hantiert sie, wenn sie etwas regelt, das anders nicht zu erledigen ist. Das ist nicht Kapitulation, das ist eine Frage des politischen Gestaltungswillens. Den muß man in diesem Fall nicht haben – es gibt viele Gründe dafür, Quoten abzulehnen – aber sich auf “Sachzwänge” oder das Schlagwort “Kapitulation” zu berufen, ist unpräzise und für eine Person in Schröders Position schlichtweg feige.

Update:


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November 05 2010

Hart aber unfair

Juliane Wiedermeier sieht sich die de-facto-Frauenquote bei hart aber fair an (anläßlich der Sendung Quoten, Krippen oder Ellbogen – was brauchen Frauen zum Erfolg? zum “Weltmännertag”) und nebenbei auch einen Tweet der Bundesfamilienministerin – und schließt treffend:

Womit ich sagen will: “Hart aber fair” soll nicht über Gleichberechtigung reden, sondern gleichberechtig einladen. Und unsere Bundesfrauenrechtlerin soll aufhören, so zu tun, als sei sie ein kleines Mädchen, das man besser nicht alleine mit fremden Männern sprechen lässt. Oder solchen, die sie nur aus diversen Talkshows kennt.

(via)


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June 07 2010

Kot über dem Familienministerium

Daß die aktuellen Sparbeschlüsse der Regierungskoalition von vielen, anders als vom Vizekanzler, nicht als “ausgewogen, fair und gerecht” beurteilt werden würden, war ja durchaus vorauszusehen – nicht zuletzt, weil Hartz-IV-Empfänger_innen gleich an mehreren Stellen betroffen sind, während man vermuten darf, daß etwa die geplante Bankenabgabe, die es zur Überraschung aller nicht Beteiligten doch in den Entwurf geschafft hat, bis zu ihrer Einführung durch Lobbygruppen noch hinreichend verwässert wird. Hartz-IV-Empfänger_innen haben solche Lobbygruppen nicht.

Aber das ist alles jetzt nicht einmal der entscheidende Grund dafür, daß sich seit einigen Stunden über der Familienministerin etwas zusammenbraut, was man in Internet-Parlance “shitstorm” nennt, und was anderso bedeutet: Daß Frau Schröder, geb. Köhler, jetzt erst einmal mit sehr vielen politischen wie persönlichen Attacken rechnen muß.

Der Grund dafür ist dieser Tweet vom Abend des 7. Juni 2010:

Zunächst einmal muß man dazu feststellen: Das sind arg verkürzte Daten, mit denen die Ministerin hier um sich wirft, aber das ist dem Medium geschuldet, es fehlt der Platz für größere Genauigkeiten und damit für die Berechnungsgrundlagen. Denn “die” Familie in Hartz IV gibt es ja nicht – bei ein paar schnellen Testrechnungen für eine Familie mit zwei kleinen Kindern (und entsprechendem Kindergeld, das vom Anspruch flugs wieder abgezogen wird) kann man, je nach Höhe der Miete und regionalen oder persönlichen Besonderheiten, tatsächlich auf solche Zahlen kommen.

Schröders Tweet bezieht sich darauf, daß in den Sparbeschlüssen auch davon die Rede ist, das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger_innen ganz abzuschaffen – und er soll diese Streichung rechtfertigen.

Wir erinnern uns: Bisher gibt es einen Mindestanspruch von 300 Euro pro Monat, selbst wenn man vorher nichts verdient hat; wer mehr verdient, bekommt etwa zwei Drittel des vorherigen Gehalts ausgezahlt. (Und wir erinnern uns: Schon die Einführung des Elterngeldes brachte für die Finanzschwächeren gegenüber dem bis dahin geltenden – einkommensunabhängigen – Erziehungsgeld eine Verschlechterung. Konnte man vorher ein Jahr lang 450 Euro oder zwei Jahre lang 300 Euro beantragen, waren es nun, beim Elterngeld, bei keinem oder geringen Einkommen maximal 14 Monate lang 300 Euro.)

Was viele (und auch mich – das marx-blog dokumentiert einige Reaktionen auf Twitter) an diesem Tweet aber so wütend macht, ist seine Haltung gegenüber den Betroffenen, die sich als Solidarität mit jenen tarnt, die trotz Arbeit nicht mehr Geld oder gar weniger haben denn Hartz-IV-Empfänger_innen. Schröder bemüht dafür den Begriff der “Gerechtigkeit” und schreibt so erst recht großen Quark: Denn ist die Verteilung von Arbeit in unserer Gesellschaft etwa gerecht? Und wie gerecht ist es eigentlich, daß Schicksal der Eltern auf dem Rücken der Kinder (deren Wohl das Elterngeld ja angeblich primär dienen soll) auszutragen und auch noch argumentativ zu verhandeln?

Viel weiter und größer wird dann aber rasch die Frage danach, wie gerecht denn überhaupt hier Arbeit und Geld verteilt sind. Wie steht es etwa um die Menschen, die trotz Arbeit auf Hartz IV angewiesen sind (die berühmt-berüchtigten “ostdeutschen Friseurinnen”)? Und sollte Frau Schröder tatsächlich der Meinung sein, eine Familie mit zwei Kindern komme ja auch leicht mit dreihundert Euro weniger aus, also mit nicht ganz 1600 Euro?

Daß viele Familien, in denen ein Elternteil oder beide Eltern arbeiten, auch nicht wesentlich mehr zum Leben haben, ist womöglich sogar richtig, kann aber kein Argument dafür sein, die auf die Unterstützung des Staates angewiesenen Menschen in Armut zu halten – Frau Schröder wäre besser beraten, sich für bessere Lebensbedingungen für alle Familien einzusetzen, auch und gerade die, die die finanziellen Mittel dafür nicht so sehr haben. Wie wäre es zum Beispiel mit Mindestlöhnen? Mit einer Förderung Alleinerziehender?

Das wäre als Bundesfamilienministerin auch eigentlich ihre Aufgabe – und nicht, wie sie es im Video-Interview mit sueddeutsche.de macht, den Familien abstrakt vorzuargumentieren, daß ihr Elterngeld “systemwidrig” gewesen sei.

Dieser Augabe will sie aber wohl nicht so recht nachkommen; und so fühlt sich das arrogant und ahnungslos an, wenn eine kinderlose Bundesministerin mit einem Einkommen im fünfstelligen Bereich den am Existenzminimum kratzenden Familien erklären will, das sie halt mal die Gürtel enger schnallen lassen müßten. Es sind schließlich, wie Stephan Ueberbach auf tagesschau.de kommentierte, ja keineswegs die meisten Bürger_innen, die “über ihre Verhältnisse” gelebt hätten.

Wenn da jetzt also Exkrement über das Ministerium hereinbricht, hat sich Dr. Kristina Schröder das zumindest mit ihrer Zustimmung zu allerlei Sparbeschlüssen redlich erarbeitet.

Sehr lesenswert hat übrigens Antje Schrupp die Abschaffung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfänger_innen in größere politische Linien eingeordnet.


Bild: Til Mette; Lizenz: CC-BY-SA; Quelle: Wikipedia; via


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March 09 2010

Kristina Schröders Gleichstellungskonzept

Natürlich ist die Rede, die Kristina Schröder vergangene Woche anläßlich des gestrigen Weltfrauentages im Bundestag gehalten hat, primär politische Rhetorik. Das heißt, sie dient ein wenig der Positionsbestimmung, der Abgrenzung vom politischen Gegenüber und der Selbstspreizung. Irritierend ist aber doch, wie sehr sich gelegentlich die Ministerin in ihrer argumentativen Struktur an Guido Westerwelles jüngste Hartz-IV-Schoten anschmiegt, indem sie nämlich längst Bestehendes fordert und schon lange Diskutiertes als neue, gar eigene Position präsentiert.

Und nicht weniger irritierend ist, daß ich bei Westerwelle geneigt bin, solches Gehabe für Provokation, Randale und womöglich gar Strategie zu halten, bei Schröder aber (und ich bin wohl nicht der einzige) dazu neige, solche rhetorischen Strukturen eher einer vermuteten Ahnungslosigkeit zuzuschlagen. Das hat womöglich mit ihrem Alter zu tun und dem Umstand, daß sie in den Bereichen Familie, Gleichstellung & Cie. bisher nicht besonders aufgefallen war. Aber das wäre Stoff für einen anderen Blogeintrag.

Am Anfang ihrer Rede fragt Schröder:

Wir kritisieren zu Recht, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer. Wir kritisieren zu Recht, dass auf höheren Hierarchieebenen, in Führungspositionen, insbesondere in Vorständen und Aufsichtsräten sehr wenige Frauen vertreten sind. Aber warum reden wir so wenig über die kulturellen und strukturellen Ursachen in der Arbeitswelt, die diesen Beobachtungen zugrunde liegen?

Ja, warum? Bzw.: Warum nimmt Frau Schröder nicht zur Kenntnis, was seit nicht nur gefühlten Jahrzehnten dazu gesprochen, geschrieben, diskutiert wird? Leider ist der Blick der Ministerin auf “kulturelle und strukturelle Ursachen” allerdings ein recht eingeschränkter. Denn in ihren kulturellen und strukturellen Kontexten ist offenbar nicht vorgesehen, daß das Konzept der freien Willensentscheidung für eine bestimmte Lebensweise zumindest problematisch ist.

Berufstätige Männer nehmen oft zwei, drei Karrierestufen auf einmal, während berufstätige Frauen meist zwei, drei Jobs auf einmal machen, nämlich Beruf, Kindererziehung und Haushalt.

Das hat wenig mit individuellen Denk- und Verhaltensmustern zu tun. Wenn Paare sich freiwillig für dieses Modell entscheiden, dann ist das ihre Privatsache. Aber in vielen Fällen ist es nicht so. Viele Paare heute wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft.

Es ist eine beliebte rhetorische Figur konservativer (Familien-)Politiker, auf diese Form der “freien Willensentscheidung” zu verweisen. Danach entscheiden sich die Frauen eben für ein Leben, das sich primär an den Kindern (und am Haushalt, etc.) ausrichtet, sie wollen gar keine Karriere machen, sondern lieber halbtags arbeiten, während die Männer eben nicht zu Hause bleiben wollen oder in extremeren Wahrnehmungen (Eva Herman et al.) Kindererziehung und Haushalt gar nicht können. Die Wahrheit hinter diesem Willen ist natürlich etwas komplexer, und Jana Hensel hat das vor einigen Wochen im Zeit-Magazin anhand von Zahlen – ausgerechnet! – des Bundesfamilienministeriums aufgezeigt:

Eine bereits im August im Auftrag des Familienministeriums erschienene Evaluationsstudie über die Auswirkungen des Elterngeldes auf die Erwerbstätigkeit und die »Vereinbarkeitsplanung« [...] belegt: Fast 90 Prozent aller Väter nehmen die alte Arbeit uneingeschränkt wieder auf. Damit wird die männliche Beschäftigungsquote vor der Geburt auch hinterher wieder erreicht.

Das Leben der Mütter unterdessen wurde binnen eines Jahres auf den Kopf gestellt. Während 55 Prozent von ihnen vor dem ersten Kind in Vollzeit beschäftigt waren, rutscht die Quote danach in den Keller. Nur 14 Prozent kehren in die Vollbeschäftigung zurück; nach zwei Kindern sind es nur noch 6 Prozent.

[...] Wobei wahrscheinlich jeder dieser Väter seinen Schritt mit persönlichen Gründen belegen kann. Wobei wahrscheinlich jede Mutter glaubt, sich ganz individuell für das Kind und gegen die Karriere entschieden zu haben. Alle werden bestreiten, nach traditionellen Mustern gehandelt zu haben, obwohl die Zahlen nichts anderes als deren Fortwirken belegen.

Mit anderen Worten: Eine strukturelle Veränderung ist hier nicht auffindbar. Wenn nach der Geburt eines Kindes die bisher vollbeschäftigten Männer dies weiterhin bleiben, von den Frauen aber wenig mehr als ein Zehntel, dann ist das nicht zwar vielleicht subjektiv freier Wille, dahinter stehen aber strukturelle, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren, die jede freie Willensentscheidung mindestens durchdringen und beeinflußen.

Natürlich hat Schröder recht, daß diese Benachteiligung mindestens auch etwas damit zu tun hat, wer sich um “Fürsorgeaufgaben” (man nennt es auch Reproduktionsarbeit) kümmert:

Meine These ist, dass Strukturen und Kulturen in der Arbeitswelt nicht nur Frauen benachteiligen, sondern zu einer Benachteiligung von Menschen, von Männern und Frauen, führen, wenn sie Fürsorgeaufgaben in der Familie übernehmen.

Und natürlich muß man ihr zustimmen, daß hier die staatliche Förderung auch mehr auf jene Rücksicht nehmen sollte, die alte Menschen pflegen – auch das sind meist die Frauen. Aber all das ist nicht erst seit gestern so, diese Erkenntnisse sind nicht neu, und ob Schröder das ändern will, ist ungewiß; man müßte mal ein tiefergehendes Interview zu ihrem Geschlechterverständnis mit ihr lesen (oder führen), um ihre Äußerung “Männer und Frauen haben im Schnitt unterschiedliche Vorlieben und Fähigkeiten” im Interview mit der FAZ richtig zu deuten und vor allem auf ihre politische Bedeutung abklopfen zu können.

So steht in der Rede letztlich nichts von wirklichem Belang – sie will sich eben doch, “Grundsatzrede” hin oder her, noch nicht richtig festlegen; “Quotenregelungen” seien falsch, eine “Mindestanteilsregelung” könne sie sich hingegen feststellen. Wo auch immer da nun der Unterschied sein mag.

Interessant bleiben aber doch die Leerstellen im Text – Schröder glaubt nicht an “schenkelklopfende Diskriminierung” und hat doch außer dem Verweis auf einen Artikel in der Wirtschaftswoche kein rechtes Konzept, wie es denn dann zu den strukturellen De-Facto-Unterschieden kommt, die sie selbst ja beschreibt. Und irgendwann wird sie sich einmal darüber klar werden müssen, wie das eigentlich funktioniert mit den nach Geschlechtern gar nicht so hübsch geordneten Entscheidungsmöglichkeiten für einen bestimmten Lebensentwurf.

(Weitere Kommentare dazu in der taz und im Mädchenblog.)


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